Wie finde ich einen Doktorvater oder eine Doktormutter?

Wie finde ich einen Doktorvater oder eine Doktormutter?

Es führen, allgemein gesprochen, zwei Wege zur Promotion: Entweder es besteht vor der Themenfindung bereits Kontakt zu einem Betreuer bzw. einer Betreuerin, d. h. in der Regel einem Mitglied der Professorengruppe, oder der promotionswillige Studierende sucht zu einem Arbeitsthema eine passende bzw. zur Betreuung geneigte Person.
Der zweite Fall tritt recht selten und meist nur bei Studierenden auf, die es während ihrer Studienzeit versäumt haben, sich beispielsweise einem Lehrstuhl anzunähern, oder deren anvisierter Doktorvater oder Doktormutter, aus welchen Gründen auch immer, unvermittelt nicht mehr zur Verfügung steht. Viel häufiger kann am Ende des Studiums bereits auf einen bestehenden Kontakt zurückgegriffen werden, dessen Fachgebiet dann das eigene Dissertationsthema bestimmt.
In der Regel handelt es sich hierbei um den Professor oder die Professorin, für den bzw. die der Studierende bereits als Hilfskraft tätig war; wenigstens aber sollten im Verlauf des Studiums mehrere Veranstaltungen der betreffenden Person besucht und die Abschlussprüfung bei ihr abgelegt werden, um die nötige Aufmerksamkeit zu erregen. Zu diesem Zweck ist es zudem empfehlenswert, schon möglichst früh, über die üblichen Fragen nach Leistungsnachweisen und Prüfungsinhalten hinaus, explizit wissenschaftliches Interesse zu bekunden.
Die Abschlussarbeit, deren Themenwahl bereits eine gewisse Verwandtschaft mit dem Forschungsbereich des Professors bzw. der Professorin verraten sollte, kann während des Arbeitsprozesses immer wieder ausführlich besprochen werden, um das Interesse  wachzuhalten. Allerdings darf hierbei das im jeweiligen Einzelfall zu eruierende erträgliche Höchstmaß an Betreuungsaufwand nicht überschritten werden. Auf diese Weise positioniert, wird der promotionswillige Studierende entweder das Angebot zur Betreuung eines Promotionsvorhabens erhalten oder immerhin, falls dieses ausbleibt, mit der diesbezüglichen Frage keine Überraschung hervorrufen.

Im Idealfall ist am betreffenden Lehrstuhl oder in einem zugeordneten Projekt zur rechten Zeit eine freie Mitarbeiterstelle zu vergeben, die mit dem neuen Doktoranden oder der Doktorandin besetzt werden kann. Auf diese Weise besteht die Gelegenheit, Arbeitserfahrung an der Universität zu sammeln und zugleich das enge Verhältnis zum Betreuer und Förderer zu bewahren. Allerdings ist an einem Lehrstuhl, anders als in früherer Zeit, heute in der Regel nicht länger nur eine Person als „Adlatus“ beschäftigt. Wie oben beschrieben, erreicht ein Professor bzw. eine Professorin stattdessen nicht selten die Zahl von zwei oder mehr Mitarbeitern, die sich eine Stelle teilen, und betreut daneben noch mehrere Promovierende ohne Arbeitsvertrag. Erneut verschärft sich demnach für den einzelnen Aspiranten auf eine universitäre Karriere die Konkurrenzsituation, wobei der Arbeitsaufwand trotz Stellenteilungen eher zunimmt. Wie schon während der Tätigkeit als Hilfskraft, so muss es jedoch auch hier als unklug gelten, aus dem Abhängigkeitsverhältnis heraus Kritik zu üben.
Wenn die Tätigkeit auf der Doktorandenstelle nicht inhaltlich mit dem Thema der Dissertation verknüpft ist, könnten ggf. die finanzielle Entlastung durch ein Stipendium und die Aufgabe der Stelle eine Alternative bilden. Für Promovierende ohne einen Arbeitsvertrag an Universität oder anderen Organisationen ist dies ohnehin die nahezu einzige Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu sichern. Neben dem monetären Motiv stellen aber erneut vor allem die vielfältigen Möglichkeiten, Kontakte zu knüpfen, den Hauptvorteil der meisten Stipendien dar. Die obligatorische Teilnahme an Tagungen, Mentoring-Programmen u. ä. ist daher nicht als lästige Pflicht, sondern als Chance zu begreifen. Für die universitäre Karriere jedoch ist eher die Anstellung an der Universität von Vorteil, allein schon weil sie zumeist die für die Vita benötigte Lehrerfahrung impliziert. Eine Ausnahme gilt lediglich für Stipendien von außergewöhnlich gutem Ruf.
Falls an der eigenen Universität keine zur Betreuung geneigte bzw. fähige Person zur Verfügung steht oder schon entsprechender Kontakt zu einer anderen Hochschule hergestellt wurde, sollte nicht gezögert werden, an dieser anderen Universität zu promovieren. Durch den Wechsel demonstriert der Doktorand oder die Doktorandin eine alleinige Fokussierung auf die Wissenschaft und eine positive Bindungslosigkeit, wirkt erfahrener und weltgewandter als die Konkurrenz, die teilweise acht Jahre oder länger an derselben Universität verbleibt. Erscheint ein solcher Wechsel wünschenswert oder notwendig, gilt es vor allem, eine förderungsfähige Person zu finden. Hierbei sind zunächst die gleichen Kriterien anzulegen, wie schon oben beschrieben: Sie darf noch kein zu hohes Alter erreicht haben, sollte keine zu große Zahl an konkurrierenden Doktoranden um sich haben etc. Als zusätzliches Kriterium kann die Zahl der eingeworbenen Drittmittelprojekte herangezogen werden, denn an Lehrstühlen mit guter finanzieller Ausstattung wird wahrscheinlicher eine Stelle zu vergeben sein. Möglichkeiten, einen auswärtigen Betreuer oder eine Betreuerin zu gewinnen, sind vielfältig und sollten schon während des Studiums wahrgenommen werden: An verschiedene geeignete Kandidaten kann vorsichtig mit Fragen zu eigenen Arbeitsthemen herangetreten werden; der Besuch von Tagungen bietet sich an; wenn irgend möglich, sollte der Versuch unternommen werden, schon kleinere eigene Arbeiten zu publizieren.
Was schließlich die Themenwahl für die Dissertation angeht, sind unpopuläre Fragestellungen unbedingt zu vermeiden. Es wäre von keinem Nutzen, sich bei der Untersuchung eines abseitigen Spezialproblems selbst zu verwirklichen und mit „summa cum laude“ abzuschließen, wenn für diese Arbeit später keine Wahrnehmung in der Fachwelt, kein Verlag und keine Stelle, die mit dem betreffenden Portfolio vernünftiger weise bekleidet werden kann, in Aussicht stehen. Stattdessen gilt: Die eigenen Interessen haben der Ausschreibung und anderen opportunen Faktoren zu folgen. Ist etwa ein Stipendium für ein bestimmtes Thema ausgeschrieben, so sollte aus dem betreffenden Antrag der Enthusiasmus für eben dieses Thema überzeugend hervorgehen.
Wenn die Themenwahl dagegen nicht durch diesbezügliche Umstände eingeschränkt ist, so muss größte Sorgfalt darauf verwandt werden, ein Arbeitsthema zu formulieren, welches Teil einer aktuell und voraussichtlich noch einige Zeit populären Disziplin ist. Darüber hinaus sollte das Augenmerk erneut auf mit der gewählten Thematik verknüpfte Karriereaussichten gerichtet sein.
In vielen Fällen ist es sogar vorteilhafter, eine nur mit „magna cum laude“ oder „cum laude“ bewertete Dissertation zu einem aktuell modernen Gegenstand vorzuweisen als eine exzellente Arbeit in einer zwar interessanten, aber momentan nicht im Fokus des Fachinteresses stehenden Thematik. Nach Möglichkeit sollte aber, anders als bei späteren Arbeiten, im Falle der Doktorarbeit die Qualität noch nicht vernachlässigt werden. Sie stellt in der Regel die erste größere Publikation dar und bildet einen ausschlaggebenden Faktor bei späteren Bewerbungen.