Soll ich eine universitäre Karriere anstreben?

Soll ich eine universitäre Karriere anstreben?

 

Auf die Frage von Studierenden, ob es empfehlenswert sei, eine universitäre Laufbahn zu verfolgen, geben Studienberatung oder Professorenschaft häufig eine zumindest eingeschränkt positive Antwort: Dieser Weg sei zwar nicht eben einfach, aber bei wirklichem Interesse und Talent zu bewältigen, und er biete dabei Freiheiten, die man in anderen Arbeitsfeldern vergeblich suche.
Während die einen die nach Orientierung Suchenden vielleicht nicht grundsätzlich verunsichern möchten und sich zudem möglicherweise über die Arbeitsbedingungen an der Hochschule im Unklaren sind, begeistern sich die anderen an dem Interesse der Ratsuchenden für ihr persönliches Fachgebiet. Es mag nicht ausgeschlossen sein, dass die Urheber der ermutigenden Ratschläge ihre Antworten teilweise für gerechtfertigt halten. Allerdings wird diese positive Haltung vermutlich durch das ureigene Interesse an mehr Stellenbewerbern für die Hochschule und mehr Mitarbeitern für den eigenen Arbeitsbereich begünstigt.
Wer sich daher über die wirklichen Chancen und Umstände einer beruflichen Tätigkeit in der Wissenschaft informieren will, sollte stattdessen mit einem Mitglied der Statusgruppe sprechen, die die große Mehrheit der Beschäftigten in Forschung und Lehre ausmacht: die befristet beschäftigten wissenschaftlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Hier wird schnell offenbar, welchen Bedingungen sich Aspiranten auf eine Hochschulkarriere unterwerfen müssen. Abschreckend wirkt bereits die Gesetzeslage: Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) beschränkt die Höchstdauer von befristeten, d. h. irregulären Beschäftigungen vor der Promotion auf sechs Jahre, danach sind noch einmal sechs Jahre möglich. Nach Ablauf dieser Zeit müssen Beschäftigte entweder einen unbefristeten Vertrag an einer deutschen Universität erhalten – oder sie endgültig verlassen.
Hinzu kommt, dass der überwiegende Teil der diesbezüglichen Arbeitsverträge keineswegs auf die zulässigen sechs Jahre oder auch nur die übliche Dauer einer Promotion befristet ist, sondern beispielsweise lediglich auf ein Jahr; etwa die Hälfte der laufenden Verträge hat sogar nur eine Laufzeit von unter einem Jahr. Dies wird gern mit der hieraus angeblich resultierenden größeren Flexibilität begründet. Tatsächlich dient es der Erhöhung des Drucks auf die Beschäftigten, die sich infolgedessen nur zu häufig bei Antritt einer Stelle bereits nach einer Anschlussbeschäftigung umschauen müssen.
Da wiederum die meisten befristet Beschäftigten in der Wissenschaft lediglich auf entsprechend geringer entlohnten halben oder gar Viertelstellen arbeiten, jedoch die Arbeitsleistung einer Vollzeitstelle verlangt wird, kann die Anfertigung einer Dissertation schnell zur unbezahlten Freizeitbetätigung werden. Die vom Gesetzgeber erwünschte „Qualifizierung“ bleibt so zwischen Zuarbeiten für die professoralen Vorgesetzten, Lehrverpflichtungen und Prüfungen auf der Strecke.
Zur Einforderung von Arbeitnehmerrechten kommt es selten. Gründe hierfür liegen nicht zuletzt in der Unkenntnis dieser Rechte, noch häufiger aber in dem Umstand, dass die Vorgesetzten zugleich Arbeitgeber und Betreuer des eigenen Projektes sind. Gegen unbezahlte Überstunden, Mehrarbeit und Übertragung nicht vertragsgerechter Aufgaben wehren sich die wenigsten  Beschäftigten, wenn als Folgen eine schlechte Bewertung oder sogar die Nichtverlängerung der befristeten Stelle drohen.
Derartige Verhältnisse sind nur dort denkbar, wo ein Überangebot an Bewerbungen wenigen freien Stellen gegenübersteht. Und tatsächlich erlangt nur der geringste Teil der promotionswilligen Studierenden nach dem Studienabschluss eines der begehrten Stipendien oder eine zumeist drittmittelfinanzierte und befristete Stelle an der Universität.
Ein Blick in das Vorlesungsverzeichnis zeigt zudem das ungleiche Verhältnis zwischen Professoren- und Mitarbeiterstellen. Angesichts dieses Ungleichgewichts ist ersichtlich, dass die übergroße Mehrheit der wissenschaftlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nach dem Ende ihrer Zwölfjahresfrist nicht an der Universität bleiben kann. Auf diese Weise manifestiert sich ein permanenter Ausbildungsüberschuss an den Universitäten, geför-dert durch das Verhalten der Lehrstuhlinhaber: Zum Teil neuen  Berufungsvereinbarungen folgend, zum Teil aus Prestigegründen teilen jene ihre zugeordneten Qualifikationsstellen, um die Zahl „ihrer“ Promovierenden zu maximieren.
Unter diesen Bedingungen scheint es nicht nur weitreichender Fachkompetenz, sondern auch eines  überdurchschnittlichen Idealismus und Arbeitseifers zu bedürfen, um an der Universität Fuß fassen zu können. Ein genauerer Blick auf die Publikationslisten vieler Professorinnen und Professoren zeigt allerdings nicht selten deren überraschende Kürze, und dies selbst im Falle nur   sporadischer Anwesenheit in den  jeweiligen Instituten.
Diese Defizite sind ein Hinweis darauf, dass bei der Berufung auf eine Professorenstelle abseits der Spitzenuniversitäten fachliche Kompetenz nicht als allein ausschlaggebendes Kriterium gelten kann. Oft scheinen stattdessen Beziehungen, strategisches Geschick bei der Besetzung von Kommissionen und  konziliantes Auftreten in den passenden Momenten von Bedeutung zu sein. Die Habilitation ist von Vorteil, um im Berufungsverfahren berücksichtigt zu werden, doch die Qualität derselben spielt selten eine Rolle – zumal die Berufung häufig vor der Drucklegung der Habilitationsschrift erfolgt.
Wird daher nicht unbedingt eine Position an einer Spitzenuniversität angestrebt – soweit sich eine solche überhaupt anstreben lässt –, sollte die Erlangung von Fachkompetenz auf dem Weg zur universitären Karriere nicht überbewertet werden. Als weitaus bedeutender werden sich das Knüpfen von Kontakten sowie die Beherrschung gewisser habitueller Codes erweisen, die für den eigenen Fachbereich relevant sind.

Um also auf die anfängliche Frage zurückzukommen: Wer über die genannten Qualitäten verfügt, möglichst aus einem Akademikerhaushalt stammt, bereit ist, über Jahre hinweg in Unsicherheit und mit ständigem Ortswechsel zu leben, dem mag die Universität eine – wenngleich vage – Karrieremöglichkeit eröffnen. In den meisten anderen Fällen muss schon angesichts der geringen Stellenzahl von dem Versuch abgeraten werden, an der Universität beruflich Fuß zu fassen.