Promotion – und dann?

Promotion – und dann?

Das Ende des Promotionsverfahrens impliziert in vielerlei Hinsicht eine ebenso große Zäsur wie der Studienabschluss: Eine Stelle oder ein Stipendium laufen aus, und erneut stellt sich die Frage, ob nicht doch besser eine berufliche Tätigkeit außerhalb der Universität angestrebt werden sollte. Wie schon zuvor, so kann auch hier die Entscheidungsfindung anhand eines wissenschaftlichen Ethos oder anderen idealistischen Motiven zu Problemen führen. Vielmehr ist erneut dringend zu einer rationalen Abwägung der eigenen finanziellen und beruflichen Chancen zu raten.
Schon vor der eigentlichen Endphase der Promotion – die mit der üblichen Hektik gefüllt sein wird – kann die besagte Abwägung beginnen. Denn spätestens im letzten Drittel oder Viertel der Promotionsphase müssen Ausschreibungen gesichtet und Bewerbungen versandt werden, wobei die positiven oder negativen Antworten einen Überblick der persönlichen Aussichten inner- und außerhalb der Universität geben.
Falls eine Stelle außerhalb der Universität in Aussicht steht, die zufriedenstellende Bezahlung und Karrieremöglichkeiten bietet, sollte diese in jedem Fall ernsthaft erwogen werden. In der Regel wird sie aufgrund der erwähnten Unsicherheit der Zwölfjahresregelung für befristete Tätigkeiten in der Wissenschaft vorzuziehen sein. Falls jedoch keine Angebote existieren und weiterhin eine universitäre Karriere angestrebt wird, gilt das Augenmerk mit dem Abschluss der Promotion vor allem der weiteren finanziellen Absicherung, der Anbindung an eine Universität und der Anfertigung einer Habilitationsschrift. Hierbei bedingen sich die einzelnen Elemente gegenseitig. Allerdings sind die unterschiedlichen Fächertraditionen etwa bezüglich der Habilitation zu beachten, die beispielsweise in künstlerischen Disziplinen keine Voraussetzung für den Weg zur Professur darstellt. Die finanzielle Absicherung erfolgt in dieser „Post-Doc“-Phase in der Regel, wie schon während der Arbeit an der Dissertation, entweder durch eine Stelle an der Universität bzw. einer verwandten Institution oder durch ein Stipendium. Im Unterschied zu den sogenannten Qualifizierungsstellen für Promovierende bieten sich für Habilitierende neben Mitarbeiterstellen vereinzelt auch Verbeamtungen auf Zeit oder Juniorprofessuren. Der Wechsel von einer abhängigen Mitarbeiterstelle auf eine schon der Hochschullehrergruppe zugeordnete Juniorprofessur und darüber hinaus der Wechsel der Universität stellen an dieser Stelle naturgemäß den nur in den seltensten Fällen zu erreichenden Idealfall dar.
Die Gefahr, über den diversen Verpflichtungen des Institutsalltags die eigene Arbeit zu vernachlässigen, ist allerdings hier nicht weniger groß. Selbst Habilitationsstipendien, die in der Regel mit einem Projekt an einer Universität verbunden sind, schützen nicht völlig davor, dieses Projekt aus den Augen zu verlieren, wenn daneben noch Lehraufträge angenommen werden. Zwar mag es sich empfehlen, auch Lehrveranstaltungen zu erteilen, wenn dies nicht zu den eigentlichen Pflichten zählt, um bei Bewerbungen auf Professuren die nötige Lehrerfahrung vorweisen zu können. Doch die Übernahme von mehr als einem Lehrauftrag pro Semester ist im Regelfall weder nötig noch zweckdienlich und sollte nach Möglichkeit vermieden werden. Auf diese Weise, durch die Beschäftigung an der Universität, erfolgt zugleich die unerlässliche institutionelle Bindung, die allein durch den sporadischen Kontakt zum Hauptbetreuer bzw. der -betreuerin des  Habilitationsprojekts nicht ausreichend gesichert wäre. Aus diesem Grund sind nicht fachspezifische Erwerbstätigkeiten spätestens jetzt in den meisten Fächern nicht länger diskutabel – wer sich an diesem Punkt noch keine berufliche Position in der Wissenschaft gesichert hat, muss sich definitiv einer anderen Laufbahn zuwenden.
Promovierte Forschende und Lehrende, die auf einer Stelle oder in einem Projekt an der Universität beschäftigt sind, sollten in den meisten Fällen die Anfertigung einer Habilitationsschrift in Betracht ziehen. Zwar gestalten sich, wie angemerkt, die Fächertraditionen in dieser Hinsicht sehr unterschiedlich, und rechtlich gesehen genügen auch andere, gleichwertige Leistungen zur Erlangung der Venia legendi, der Lehrbefugnis, doch faktisch bildet das Initiationsritual der Habilitation vielerorts noch immer die Voraussetzung für eine Berufung. So bemühen sich etwa auch Lehrende auf Juniorprofessuren, deren Ausübung laut Gesetz eigentlich als Befähigungsnachweis für eine Berufung ausreicht, nebenbei, als Zusatzqualifikation, um ihre Habilitation.
Die Habilitation dient demnach nicht vorrangig dem weiteren Nachweis der wissenschaftlichen Eignung oder Lehrbefähigung, sondern allein der formalen Erlangung der Lehrbefugnis als Vorteil für den Lebenslauf. Denn da die Mitglieder der Berufungskommissionen in der Regel ebenfalls habilitiert sind, werden sie dieses Merkmal auch von den Bewerbern verlangen. Häufig ist der Doktorvater oder die Doktormutter im Anschluss an die Promotion auch zur Betreuung der Habilitation bereit und bietet eine entsprechende Stelle an, oder es erfolgt die Vermittlung an einen Kollegen.
In jedem anderen Fall – aber auch bezüglich der nötigen weiteren Gutachten – ist auf die Kontakte zurückzugreifen, die schon während der Promotionsphase oder früher geknüpft worden sind. Es kann sich hier als taktisch vorteilhaft erweisen, gerade die einflussreichsten Persönlichkeiten des Fachgebietes nicht für die Betreuung auszuwählen, da sie ansonsten in relevanten  Berufungskommissionen als befangen gälten. Stattdessen können diese Beziehungen auf anderem Weg, etwa durch Zusammentreffen auf Tagungen, gepflegt werden. Die Frage hingegen, ob das Arbeitsthema eine Fortsetzung der Dissertation mit anderen Mitteln, also eine Vertiefung des bisherigen Arbeitsbereichs, oder eine Umorientierung implizieren sollte, ist häufig von  untergeordneter Bedeutung, zumal die allgemeine Ausrichtung oft schon durch den Betreuer bzw. die Betreuerin bestimmt ist. Gleichermaßen darf die Habilitationsschrift, anders als die Dissertation, in der Regel auch die Qualität zugunsten einer raschen Fertigstellung hintanstellen. Zum einen nämlich werden auf die Habilitationsschrift keine Noten wie das bekannte „summa cum laude“ etc. vergeben, so dass nicht etwa ein ungenügendes „rite“ die weiteren Karriereaussichten beeinträchtigen kann. Bedeutend wirkt sich zudem die faktisch fehlende Publikationspflicht aus: Da die reguläre Veröffentlichung, etwa in einem Verlag, für den Abschluss des Habilitationsverfahrens nicht erforderlich ist, kann diese nötigenfalls, etwa bei mangelhafter Qualität der Arbeit, weit hinausgezögert werden.

Überhaupt erfolgt die Berufung in vielen Fällen schon vor der Drucklegung der Habilitationsschrift, das heißt, bevor der Berufungskommission deren Qualität hinreichend bekannt sein wird. Es kann daher empfehlenswert sein, sich schon während der Habilitationsphase auf in Frage kommende Professuren zu bewerben. Dabei wird auf die Arbeit in progressum verwiesen und nach Möglichkeit über Kontakte Einfluss auf die Besetzung und Ausrichtung der betreffenden Berufungskommissionen genommen.
Es ist zweifellos ein steiniger Weg bis an die Spitze. Doch wenn erst das höchste Ziel der universitären Karriere, die Professur, – oder immerhin eine andere unbefristete Stelle – erreicht ist, werden alle bisherigen Arbeitsbelastungen und Selbstzweifel Vergangenheit sein. Es bleiben durchschnittlich noch über 20 Lebensjahre, die für diverse Tätigkeiten eigener Wahl genutzt werden können. Wenn der vorliegende „Karriereratgeber Wissenschaft“ einen praxisnahen Überblick sowie vielleicht erste Anregungen für die Realisierung einer universitären Karriere bieten konnte, so mag damit sein Zweck erfüllt sein.